August 2025

Ferragosto, Ätna, unfreiwilliger Stopp in Tropea und das Trauma von Cefalú
Um Strecke zu machen legten wir wieder eine Nachtfahrt ein, die Stiefelsohle entlang bis fast zur Spitze, Ankerstopp bei Bova Marina. Das ist die Gegend in Südkalabrien mit dem quasi Bergamotte-Monopol. Angeblich sollen nur hier die Früchte mit dem weltweit hochwertigstem Bergamotte-Öl wachsen.
Von hier aus war der Ätna bereits gut zu sehen. Weiter also nach Sizilien, nach Giardini Naxos, die Ankerbucht vor der spektakulären Bergkulisse Taorminas.
Kein Sizilien ohne Ätna. Hätten wir gewusst, was uns erwarten würde, wir hätten die Ätna-Tour wahrscheinlich so nicht gemacht. Zunächst ging es noch ganz easy mit der Seilbahn von der Talstation in 2.000 Meter Höhe hinauf zur Bergstation, 2.500 Meter hoch, weiter dann mit 4x4-Unimogs durch eine Mondlandschaft auf 2.800 Meter. Ab dort ging es nur noch zu Fuß mit einem Guide bis auf ca. 3.000 Meter, durchs Geröll im Entenmarsch immer entlang der Kraterränder. Und leider nicht "überwiegend flach". Ein anderthalb-Stunden-Marsch, der uns in dieser Höhe und bei extrem schnell wechselnden Wetterbedingungen von stürmischen Böen bis knalliger Sonne unsere Grenzen aufzeigte. Trotzdem sind wir froh, diese Tour gemacht zu haben. Wir kannten zwar schon Vulkane wie den Vesuv oder die in Costa Rica, aber nie in solch großem Flächenausmaß. Der Ätna ist nicht nur ein Vulkan, sondern ein riesiges Vulkangebiet mit unzähligen Kratern, eine Gerölllandschaft, übrigens mit prima Sitzheizung. Wo der nächste Ausbruch kommt und wo der nächste Krater entsteht, ist nie genau vorherzusagen.
Unsere Weiterfahrt durch die Straße von Messina war abhängig von den Strom- und Windverhältnissen. Meistens herrschen hier Düsen- und Trichtereffekte von Nord nach Süd. Wir mussten allerdings genau in die andere Richtung. Obwohl wir eines dieser seltenen Wetterfenster für eine Süd-Nord-Fahrt erwischt hatten, fühlten wir uns beim Törn durch die Straße von Messina wie in einer Waschmaschine, Wellen kreuz und quer, wahrscheinlich noch alte Welle von den Tagen zuvor, dafür aber mit einer Fahrt über Grund mit rasanten 9 Knoten dank des nordgehenden Stroms.
Wir hatten dummerweise unseren Kühlschrank geschrottet, bei 40 Grad Hitze sehr unangenehm. Den nächsten Monteur gab es nur in Tropea, weiter also die kalabrische Küste entlang Richtung Norden, nun am Tyrrhenischen Meer. Fabrizio, der Kühlschrankmonteur, brauchte für die Reparatur zwei Tage, mal war er da, dann wieder nicht, mal mit Aluminiumschweißgerät, mal ohne. Zu guter Letzt nahm er den kompletten Kühlschrank mit. Ohne diese Zwangspause hätten wir allerdings das schöne Tropea gar nicht entdeckt. Und letztendlich funktionierte der Kühlschrank auch wieder.
Zum Stromboli fährt man vorzugsweise bei Nacht. Beim Umrunden der Nordwestküste dieser Vulkaninsel nachts um halb zwei konnten wir tatsächlich kleinere Eruptionen, umherschleudernde glühende Felsbrocken und Lavaströme beobachten. Weniger faszinierend waren allerdings die überfüllten Ankerbuchten im Süden von Lipari bzw. im Norden von Vulcano. Es war Ferragosto, gefühlt ganz Italien machte Urlaub. Aber der Sonnenuntergang hier war zu schön, um ihn auszulassen. Eine Nacht reichte uns, bevor es zurück nach Sizilien ging.
Und dann kam Cefalú. Nichts gegen die wunderschöne Stadt und auch nicht gegen den eigentlich geschützten Ankerplatz vor idyllischen Felsformationen. Wir hatten nur das Pech, dass ein extremes Gewitter genau über diesen Ort und diese Bucht hinweg zog, natürlich spätabends im Dunkeln. Wetterleuchten über dem Meer war zwar zu beobachten und es gab wie auch in den vorangegangenen Tagen eine Gewitterwarnung für ganz Sizilien. Aber dass der Wind von jetzt auf gleich von fast windstill bis mehr als 55 Knoten (Windstärke 11) auffrischen könnte, hatten wir nicht erwartet. Unser Anker, und der von allen anderen Ankerliegern, hielt diesem plötzlichen Winddruck nicht stand, wir und alle anderen trieben von jetzt auf gleich unkontrolliert durch die Bucht. Dazu extremer, waagerechter Starkregen, Blitze und Donner direkt über uns. In solchen Momenten realisiert man gar nichts, sondern muss funktionieren. Die Maschinen hatten wir gleich nach der ersten Windböe gestartet, für Plotter und Navigationsinstrumente reichte die Zeit nicht mehr. Obwohl wir und auch die anderen Schiffe sofort alle Lichter angeschaltet hatten, war wegen des Starkregens in der Umgebung nichts zu erkennen. Mit dem Navigationsprogramm auf dem Tablett, dass glücklicherweise wegen Ankerkontrolle angeschaltet war, konnte ich unsere Drift durch die Bucht verfolgen und brüllte Jens, dem Steuermann, wegen der Gewitter-Geräuschkulisse in voller Lautstärke Kommandos zu wie z.B. "jetzt steuerbord", "wieder zurück, da kommen gleich Felsen", jetzt drehen nach backbord" - unser Ziel war es eigentlich, aus der Bucht rauszufahren, aber immer wieder drehte der Wind das Schiff, ein Katamaran bietet viel Windangriffsfläche. Immer dann, wenn ein Blitz die Szenerie erleuchtete, konnten man sehen, wo die anderen Schiffe gerade trieben. Wie durch ein Wunder stießen wir mit niemandem zusammen, reine Glückssache. Die ganze Zeit schleppten wir unseren Anker und 25 Meter Ankerkette mit über den Grund. Ab und zu grub er sich wieder in Sand ein, stoppte das Schiff kurz ab, um dann gleich wieder auszubrechen. Der Anker musste also unbedingt hoch. In dem Chaos kroch ich schließlich über das Deck nach vorn, gesichert mit Rettungsweste und Lifebelt, schaffte es aber nicht, den Anker hoch zu holen. Die enormen Kräfte auf das Ankergeschirr hatten alle Befestigungsösen aus Stahl und auch den Stahlschäkel in der Kette, der die (inzwischen gerissene) Ankersicherungsleine halten sollte, verbogen. Der Schäkel ließ sich nicht mehr aus der Kette lösen. In solchen Momenten schätze ich die Ruhe meines Skippers, der in aller Gelassenheit die Flex holte und damit den Schäkel auftrennte, währenddessen ich angespannt das Schiff auf Kurs bzw. von den anderen Schiffen weg hielt. Als der Sturm nach einer knappen dreiviertel Stunde nachließ, brachten wir den Anker wieder neu aus. Die Küstenwache kam vorbei und erkundigte sich, ob bei uns alles in Ordnung wäre. "Yes, we are safe", konnten wir glücklicherweise sagen. Bei einigen anderen Booten ist es nicht so glimpflich abgelaufen. Es gab mehrere Schäden, die Einrumpfboote hatte es teilweise komplett auf die Seite gelegt. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass der Wind ein Boot, das keine Segel oben hat, nur durch die Angriffsfläche am Mast auf die Seite legen kann. Genau in dieser Situation ist vor einem Jahr in solch einer Gewitternacht nahe Cefalú die "Baeysian", der Luxussegler eines britischen Milliardärs, gesunken.








